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  Kolumne: Freundschaft des 21. Jahrhunderts
Kolumne: Freundschaft des 21. Jahrhunderts
19.08.2013 von Rasmus Kriest

„Ein Freund, ein Freund […]“, so singen die vier Geier im Dschungelbuch. Auch die Comedian Harmonists und Heinz Rühmann stellten schon im Jahr 1930 fest: „Ein Freund, ein guter Freund, ist das schönste auf der Welt.“. Doch gucke ich in meine Freundes-Liste auf Facebook sehe ich die dort die Zahl 150 prangen – nur etwas mehr als der durchschnittliche Nutzer laut Statistiken hat. Direkt daneben: Ein Knopf zum finden weiterer „Freunde“. Kann das wirklich so einfach sein? So viele Freunde, einfach per Knopfdruck?

„Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.“, so Heinz Rühmann weiter. Das müsste doch heißen, dass alle meine 150 Freund jederzeit für mich da sein müssten, selbst wenn ich in einer noch so schweren Situation bin. Sind sie das? Sicher nicht! Das ist keine böse Voreingenommenheit, das ist schlicht und ergreifend ein Fakt. Auch dies lässt sich auf der Facebook’schen Freundesseite nachlesen, hier wird neben selbst festlegbaren Gruppen auch in die unterschiedlichen Orte, an denen man mit den Personen zu tun hat (Schule, Studium, Arbeit) unterschieden.

Zur Ursachenfindung ist es sicherlich von Nöten, einmal den Herkunftsort und die Entstehungsgeschichte von Facebook zu betrachten: Facebook kommt aus Amerika. In diesem großen Land der Jacket-ausziehenden Präsidenten und whistleblowenden NSA-Mitarbeitern, in diesem Land wurde Facebook erfunden. Sinn? Erstmal nur das einfache Spiel „Hot or Not“. Typisch zweites College-Jahr. Typisch adoleszentes Verhalten eben. Im weiteren Verlauf wurde daraus erst eine Seite voller Studenten, später voller Menschen – und noch später eine voller pubertierender pickeliger Jugendlicher, die ihren Lebensinhalt der ganzen Welt mitteilen müssen, zugepflastert mit Werbung. In diesem Land der ehemaligen zwei Türme und drei Läufer ist die nationale Sprache Englisch, American English um genau zu sein. Die Bedeutung von all dem? Der „friend“ wird so zum „Bekannten“, die „friendship“ plötzlich zur „Bekanntschaft“. Damit sind also auch die Leute gemeint, mit denen aus Liebeskummer der eine oder andere Drink in einer Kneipe nach einem anstrengenden Abend mit der noch anstrengenderen – nun ehemaligen – Liebsten gekippt wurde, Personen, die man durch Freunde von Freunden von Freunden von Freunden von Freunden auf der Party eines Freundes eines Freundes eines Freundes eines Freundes kennengelernt hat. So auch schon eine der wichtigen frühen Funktionen Facebooks: „Find your friends‘ friends“ – (sehr) frei übersetzt: „Stalke deine Freunde und die Freunde dieser.“

Betrachtet man diese amerikanisierte Definition aus – oh Wunder – Amerika, dem Land der unbegrenzten Anklagefälle aufgrund von Katzen, die, in Alufolie verpackt, in Mikrowellen explodiert sind, wird schnell klar, dass sie sich deutlich von der europäischen unterscheidet, zumindest die des Europas vor 2000 Jahren. Denn schon Cicero, einer der wirklich großen Schriftsteller und Philosophen des alten Roms, für dessen Bekanntschaft so manch ein Latein-Lehrer sicherlich aus dem Fenster springen würde, sagte in der „Laelius de amicitia“ (zu Deutsch: „Der Wert der Freundschaft“) „Verus amicus […] est tamquam alter idem.“ – „ein wahrer Freund ist wie ein zweites Ich.“ Schön gesagt, Mister Cicero. Auch das Buch „Sag es treffender“ von A. M. Textor, das sinnverwandte Wörter beinhaltet, behauptet beim Stichwort „Freund“ Dinge wie „Vertrauter“, „Getreuer“ oder „Weggenosse“ – viel mehr als die typische Facebook-Freundschaft jemals sein könnte.

Doch was ist wirklich wahre Freundschaft, ganz im europäischen Sinne? Mal angenommen, es gibt einen Fischer auf Lanzarote, 74 Jahre alt. Dieser, mit dem typisch-spanischen Vornamen Pablo, fährt seit geschlagenen 65 Jahren mit seinem Freund Antonio, mit dem er schon, geboren gegen Ende des spanischen Bürgerkriegs, die spanische Wirtschaftskrise der 40er und 50er durchlebt und zu Beginn der 60er gegen das Franco-Regime protestiert hatte, zur See, fischen. Den ganzen Tag verbringen sie so auf dem gemeinsamen Boot, essen abends Paella. Sie wissen alles voneinander, sie sind wie Brüder, sie haben gemeinsam geliebt und sind gemeinsam verlassen worden, Freunde sind sie immer geblieben. Sie stellen die Freundschaft des zu Beginn genannten von Heinz Rühmann geschriebenen Lieds da: „Liebe vergeht, Liebe verweht. Freundschaft alleine besteht.“ Ist dies also nun die perfekte Freundschaft?

Wie ist es nun aber im 21. Jahrhundert? Hat ein jeder überhaupt die Zeit, so viel eben dieser kostbaren für zwischenmenschliche Beziehungen zu verschwenden? Denn „Zeit ist Geld“, so sagte einst Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der heute immer noch streng-kapitalistischen Wirtschaftsmacht Amerika.

Und gleichzeitig werden Freunde auf Facebook zu einer Art inflationären Währung, die durch echtes Geld eingetauscht werden kann. So berichtete der Spiegel bereits 2009, zu einem Zeitpunkt, an dem die gesamte Social-Network-Welle erst gerade am Aufbau für die große Überflutung, ganz nach Vorbild des Sumatra-Andamanen-Bebens 2004, war, dass die Möglichkeit des Tauschens von echtem Geld zu Facebook-Freunden im Internet ohne Probleme möglich sei – bereits für knapp 60€ ließen sich 1000 Stück kaufen. Und so pushen Leute die statistische Freundeszahl eines Facebook-Nutzers mit ihrer Geldbörse.


Doch zurück zur Zeit: Nein, der heutige weltwirtschaftlich orientierte Weltbürger des 21. Jahrhunderts hat natürlich keine Zeit mehr, sich um irgendwelche abstrusen Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen zu kümmern. Wie denn auch? Jegliche Zeit, die mit derlei Problemen verschwendet werden kann, ist auch für die Gewinnsteigerung eines Unternehmens zu gebrauchen. Oder für die eigene Reputation im System.

Und gleichzeitig ist eine Freundschaft nach alten Maßstäben doch auch eine Belastung: Mit den neu erstandenen Kommunikationswegen ist es möglich, Gespräche über Tage und Wochen fortzuführen, ohne sich jedes Mal begrüßen zu müssen, ohne jedes Mal gesellschaftliche Formalitäten einzuhalten – das Internet ist schließlich eines jeden freier Raum und Spielwiese. Es gibt einfach keine einheitliche Netiquette, die ohne Existenz von Prism und Tempora scheinbare Anonymität im Internet bewirkt genau das Gegenteil von gesitteter Ordnung. Das Internet erlaubt es auch, Gespräche als eine wichtige Form der Kommunikation ohne Umschweife abzubrechen, ein Klick macht es möglich. Es sind keine langen Erklärungen nötig, warum Pablo heute mal doch keine Lust hat, mit Antonio zu fischen, sondern lieber seine Grätensammlung sortiert. Doch gleichzeitig will der Mensch weiterhin kommunizieren – bestenfalls über irgendwelche Skandalfälle oder die gestalkten Freunde von Freunden. Diese Kommunikation ist jedoch wie bei der Telekom: Nein, nicht gedrosselt, sondern angepasst an die eigenen Wünsche und Vorstellungen - und ausgenommen von jeglichen anderen Dingen, die im Internet passieren. Also wie Entertain eben.

Sind „Freunde per Mausklick“ denn nun möglich? Ja, in jedem Fall sind sie eine Möglichkeit, in der heutigen Welt, in gesellschaftlich-kommunikativem Kontakt zu bleiben, ohne zu viel Aufwand auf sich zu nehmen. Die Freundschaft auf Facebook ist die perfekte Form der Freundschaft im 21. Jahrhundert, sie unterscheidet sich jedoch in großem Ausmaß von der der letzten 2000 Jahre – und trauert dieser aber auch in keinem Moment hinterher. Ob sie ein Fortschritt ist? Nun, diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.


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