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  Karlumne: Wo sind all die Tasten hin?
Karlumne: Wo sind all die Tasten hin?
29.04.2011 von Karl Koreander

Alles neu macht der Mai. Wir haben zwar noch nicht Mai und alles ist auch nicht neu bei Tech Review, aber heute präsentieren wir euch eine Neuheit. Die „Karlumne“. Unser News-Sklave Karl erhält auf seine alten Tage nun noch eine neue Aufgabe. Die Geschehnisse der IT-Branche, Produkte und Erlebnisse kommentieren. Unterhaltsam, ironisch und gerne sarkastisch – hauptsächlich aber lesenswert. Hier seine erste Karlumne, die auf zahlreiche Kommentare wartet:

Mein Handy hat sich verabschiedet. Nicht endgültig, aber alleine pro Tag mindestens zwanzig Mal. Nach jedem Einschalten änderte sich der Ladezustand des Akkus.

Manchmal lud es sich direkt in meiner Hosentasche auf . Vielleicht strahle ich ja wie Fukoschima an einem sonnigen Atomstromtag. Die Entscheidung ist klar: ein neues Handy muss her. Schließlich sind die Tasten auch schon abgegriffen und mittlerweile kann ich die PIN im Schlaf blind mit dem linken Fuß und ohne Hinschauen tippen.
Also auf zu Saturn. (Nein, liebe Medienwächter, keine Schleichwerbung, sondern ganz offene.) 19:00 Uhr. Dritter Stock. Verlassen der Rolltreppe. Willkommen im Chaos. Gefühlte 5.000 Menschen laufen aufgeregt durch die Gegend. Verkäufer sind nicht auszumachen. Ich schlage mich selbst durch die Reihen der Smartmobilnetbookklingelingtelefone. Ich bin umgeben von wild in ihre Geräte brüllenden Menschen. Kein Wunder, dass die hier alle rumturnen. Scheinbar Mikros defekt.

Hoffe kein Massenfehler. Ich komme vorbei an Apple-Geräten – erkannt am Apfel, welchen von Nokia, Sony und Motorola, die aussehen wie Apple, aber auf denen der Apfel fehlt. Alle haben Touchscreens und Apps und kosten Schweinekohle. Erstes brauche ich so wenig wie zweites und drittes zahle ich sicher nicht für einen Gebrauchsgegenstand, an dem mir ständig Versicherungen und Lottogewinne angedreht werden. Also stelle ich mich an die Kreuzung mehrerer Gänge, stelle mich tot und warte bis sich ein Saturn-Verkäufer in hellblauen Hemd und sichtbaren Achselflecken hinter mir verstecken will. Dann schlage ich zu.

"Ich brauche ein Handy", erkläre ich ihm. Er schaut mich an wie Auto. Weniger über die ausgesprochene Selbstverständlichkeit, sondern, dass ich ihn ausgemacht habe. Sein Blick sagt mir: "Scheiße, Kunde droht mit Auftrag". "Welches Modell hätten sie denn gerne?", fragt er höflich. Als ich ihm freundlich aber bestimmt antworte: "Wenn ich das wüsste, würde ich sie nicht fragen", bemerke ich ein leichtes Flackern in den Augen, was zwischen Hass und Entsetzen wechselt. „Wofür brauchen sie es denn?“, will der gewiefte Verkaufsexperte wissen. "Zum Telefonieren, SMS schreiben. Und es muss Tasten haben." "TASTEN?", antwortet er fast brüllend mit Panik in der Stimme. Seine Augen flackern deutlich als ich es bejahe und sein Atemrhythmus wird unregelmäßig. Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf der Stirn und der Kopf bewegt sich langsam aber stetig von links nach rechts – und ja: Ich spüre die Abneigung, die er damit ausdrücken will.

"Mit Tasten", murmelt er in den nicht vorhandenen Bart. Da wäre die Kollegin mit deutlichem Damenbartansatz erfolgreicher gewesen. Ich verkneife mir den Hinweis auf die angebotenen Rasierer im Erdgeschoss und folge Axel. So habe ich meinen Berater dank der Flecken unter den Armen getauft. Axel steuert zielsicher durch die Reihen, wirkt aber planlos. Plötzlich stehen wir vor einer kleinen Ecke mit acht Geräten. Darüber steht: Seniorenhandys. Die Geräte haben die Größe eines durchschnittlichen Notebooks, aber deutlich weniger Knöpfe. Diese haben allerdings die Größe von Buzzern in der normalen deutschen Quizshow. Im Augenwinkel entdecke ich ein Gerät mit integrierter Taschenlampe und „Seniorenalarm“. Der warnt aber nicht vor aufdringlichen Senioren mit Gesprächsbedarf, sondern soll Diebe und Angreifer verschrecken. Wie oft wird Omi doch die Handtasche geklaut, aber mit so einem Knopf wird die Welt sicher. Die Preise sind übrigens gigantisch. Gigantisch hoch. Selbst wenn die Renten sicher sind, hier will sie sich jemand holen - und zwar zum Teil auf Jahre hinaus.

Ich frage Axel nun ganz freundlich, ob wir seinen Chef dazu holen sollen und ob er mich verarschen will. Sein Konter sitzt: "Sie haben doch angefangen. Tasten…" Dann dreht sich Mr. Schweiß (ich denke es ist Zeit Axel wieder zu siezen) um und verschwindet. Kopfschüttelnd. Zwei Jugendliche, deren schief sitzende Baseballmützen, löchrige Jeans und Kaugummiautomaten-Goldketten auf ein Leben ohne Spiegel hinweisen, schauen mich mitleidig an. Ich schäme mich ein wenig, aber ich gebe nicht auf. Es muss doch ein Handy mit Tasten geben…

Während mein Blick einer Blondine im ultrakurzen Minirock folgt und mein Hirn beginnt darüber nachzudenken, ob dies ihr Freizeit-Outfit ist oder sie gleich noch auf einem Tisch tanzen muss und welche Währung man ihr wohl unter den schmalen Gürtel steckt, wird mein Blick von einem Schild gefangen genommen. Restposten steht dort. In großen roten Buchstaben. Darunter das Bild eines Handys. Mit Tasten! Ich stolpere auf den Container zu. Ein ganzer Container voller Handys. Mit Tasten. Einziges Problem: rosa. Also fange ich an zu wühlen. Nach einer anderen Farbe. Schwarz, rot, blau, völlig egal. Außer Pink. Gefühlte zwei Stunden später stecke ich bis zum Schulteransatz in einer Ladung Handys und da ist es, fast ganz unten: ein schwarzes Modell. Ich ziehe es heraus und bemerke beim Rausziehen meiner Arme, dass sich ein zweites schwarzes Modell an meinem Ärmelknopf verfangen hat. Zurückwerfen? Ich schaue kurz auf den Preis und dann ist die Entscheidung klar. Ich nehme beide mit. Durchschnittliche Lebensdauer zwei Jahre mal zwei, macht vier und das für 30 Euro. Passt. Und in vier Jahren suche ich dann wieder ein Handy mit Tasten. Vermutlich für viel Geld im Antiquariat – oder vielleicht kommt dann schon die erste Retrowelle und die RTL-Top-Show: "Die Chartshow: 10 Jahre Handy-Klingeltöne"…


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